Schleswig-Holstein besteht aus vielen verschiedenen Regionen, die
nicht nur ihre natürlichen Besonderheiten haben, sondern auch
wirtschaftlich ganz unterschiedlich funktionieren. Außerhalb der
Ballungsräume am Hamburger Rand, um Kiel und bei Lübeck ist unser Land
strukturell schwach aufgestellt. Es reicht aber nicht aus, den Rest zum
touristischen Gebiet zu erklären. Das Land muss die Voraussetzungen
dafür schaffen, dass es für Unternehmen in möglichst allen Regionen des
Landes attraktive Bedingungen gibt, damit die Menschen in allen Winkeln
Schleswig-Holsteins eine Chance auf ein auskömmliches Leben haben und
nicht abwandern müssen.
2.1 Wirtschaft im Norden fördern
Vor
dem Hintergrund der aktuellen Krise kommt es mehr denn je darauf an,
eine regionale Wirtschaftspolitik zu entwickeln, die die
Wettbewerbsfähigkeit aller Regionen in Schleswig-Holstein sichert. Über
90 Prozent der Betriebe in Schleswig-Holstein sind mittelständische
Unternehmen. Der SSW setzt sich deshalb für Rahmenbedingungen ein, die
den kleineren und mittleren Unternehmen in unserer Region einen fairen
Wettbewerb sichern. In den nächsten Jahren ist es wichtiger denn je,
die Stärken des Nordens noch besser zu nutzen, um eine zukunftsfähige
Perspektive für die regionale Wirtschaft zu schaffen.
- Das Tariftreuegesetz für Schleswig-Holstein muss
bestehen bleiben – flankiert durch Initiativen auf Bundes- und
EU-Ebene. Dieses Gesetz, das 2005 auf Initiative des SSW entstand,
schreibt vor, dass bei öffentlichen Ausschreibungen nur solche
Unternehmen berücksichtigt werden können, die ortsübliche Tarife
zahlen. Dadurch wird gewährleistet, dass regionale Unternehmen eine
Chance auf solche Aufträge haben und nicht von auswärtiger
Billigkonkurrenz mit Dumpinglöhnen ausgebootet werden.
- Das
Land muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Gründung und
Entwicklung insbesondere kleinerer und mittlerer Unternehmen im Land
aktiv zu unterstützen. Die entsprechenden Wirtschaftsförderprogramme müssen mit der höchst möglichen Co-Finanzierung von EU und Bund weitergeführt werden.
- Öffentliche Institutionen, die die Unternehmen in Schleswig-Holstein begleiten, beraten und fördern,
wie die Investitionsbank, die Innovationsstiftung, die
Patentverwertungsagentur Schleswig-Holstein GmbH, die
Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH
und die regionalen Wirtschaftsförderinstitutionen müssen in ihrer
Arbeit weiterhin unterstützt werden.
2.2. Verkehrsinfrastruktur im Norden ausbauen
Die
Infrastruktur ist eine entscheidende Voraussetzung für die
wirtschaftliche Entwicklung im Norden. Wenn die Unternehmen
wettbewerbsfähig sein sollen und wenn die Touristen den Weg in unsere
Region finden sollen, dann muss der Norden besser an die europäischen
Verkehrsnetze angebunden werden.
Die extrem teure Finanzierung
der Fehmarnbeltquerung auf deutscher Seite durch den Bund und das Land
Schleswig-Holstein darf nicht dazu führen, dass die für den Rest des
Landes dringend notwendigen Infrastrukturmaßnahmen weiter verzögert
werden. Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Verbesserungen der
Straßen-, Schienen-, Fähr- und Flugverbindungen, die zügig umgesetzt
werden müssen – in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung und teilweise
auch mit der dänischen Regierung.
- Die Bahnstrecken Hamburg-Flensburg-Kolding, Hamburg-Westerland, Niebüll-Tønder-Esbjerg und Pinneberg-Elmshorn müssen ausgebaut werden.
- Das Nadelöhr an der Rendsburger Hochbrücke muss durch einen Eisenbahntunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal ersetzt werden.
- Das „Schienenflieger“-Konzept,
die schnelle Taktverbindung von Kiel/Neumünster zum Hamburger Flughafen
und in die Hamburger Innenstadt, muss endlich umgesetzt werden.
- Die Autobahn A7 (E45) muss von Neumünster bis Kolding dreispurig ausgebaut und die A20 mit der Elbquerung westlich von Hamburg zügig fertig gestellt werden.
- Die B5 als
wichtigste Nord-Süd-Verbindung an der Westküste muss bis zur dänischen
Grenze mit drei Fahrbahnen kreuzungsfrei ausgebaut werden. Die B200 von Husum nach Flensburg sowie die B199 und L192 (Betonstraße) von Flensburg nach Niebüll müssen erweitert bzw. erneuert werden. Die B404 muss zügig zur Autobahn A21 werden.
- Die Tide-unabhängige Anbindung der Insel Amrum muss sichergestellt und die Schleibrücke Lindaunis erneuert werden.
- Wir brauchen eine grenzüberschreitende Planung
von Verkehrsverbindungen zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein. Ziel
ist es, dass Schleswig-Holstein und Dänemark sich gemeinsam bei der
Bundesregierung für diese Projekte stark machen, bevor 2015 ein neuer
Bundesverkehrswegeplan beschlossen wird.
2.3. Regionale Hochschulstandorte stärken
Hochschulen sind
nicht nur Orte der Bildung, Lehre und Forschung. Universitäten und
Fachhochschulen haben auch einen stark belebenden Effekt für das
Wirtschaftsleben einer Region. Umso bedauerlicher ist es, dass die
Hochschulpolitik des Landes maßgeblich um die Landeshautstadt Kiel und
deren Universität kreist. Die anderen staatlichen Hochschulen des
Landes – die Medizinische Universität in Lübeck, die Musikhochschule in
Lübeck, die Fachhochschule Westküste in Heide sowie die Universität und
die Fachhochschule in Flensburg – haben es ungleich schwerer, für ihr
Anliegen in der Landespolitik Gehör zu finden. Der SSW engagiert sich
insbesondere für die Universität Flensburg, weil sie seit ihrer
Gründung stark unterfinanziert ist. Es ist zu wenig Personal und zu
wenig Ausstattung für eine Hochschule dieser Größe vorhanden; Raum für
Forschung bleibt den Lehrenden kaum.
- Der SSW lehnt die Einführung einer Landesuniversität ab,
bei der regionale Hochschulen ihre Selbständigkeit verlieren und in die
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel eingegliedert werden.
- Der SSW fordert das deutliche Bekenntnis des Landes zur Universität Flensburg
und damit verbunden eine Aufstockung der Zuschüsse für diese chronisch
unterfinanzierte Hochschule. Nur bei einer angemessenen Personal- und
Sachmittelausstattung kann die Universität die geforderte Lehre und
Forschung erbringen. Hierzu gehören neben der Ausbildung von
Lehrkräften auch die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge sowie
die europaweit einmalige Zusammenarbeit mit der „Syddansk Universitet“
bei den deutsch-dänischen Studiengängen.
- Die Zusammenarbeit der Universität Flensburg und der FH Flensburg muss
intensiviert werden, um Verwaltungsvorgänge zu vereinfachen und
Studiengänge aufeinander abzu-stimmen. Um eine solche engere
Zusammenarbeit einer Universität und einer Fachhoch-schule zu
ermöglichen, muss das Hochschulgesetz für Schleswig-Holstein so
geändert werden, dass gemeinsame Studiengänge möglich sind.
- Die akademischen Einrichtungen in der nördlichen Region sollen langfristig zu einem deutsch-dänischen Hochschulzentrum weiter entwickelt werden.
2.4. Deutsch-dänische Zusammenarbeit ausbauen
Grenzüberschreitende
Zusammenarbeit mit Dänemark ist aus Sicht des SSW die entschei-dende
strategische Perspektive, um Wachstum und neue Arbeitsplätze in der
Grenzregion und dem übrigen Norden zu schaffen. Unsere Vision ist es,
den gemeinsamen Wirtschafts-raum durch Innovation und
Technologietransfer voranzubringen, so dass wir als „Wissens-region“ im
globalen Wettbewerb bestehen können. Unser Ziel muss es sein, dass wir
gemeinsam mit unseren Nachbarn die wirtschaftliche Entwicklung im
Norden verbessern – insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien,
Ernährungswirtschaft und Tourismus.
- Die 2006 von der Region Sønderjylland-Schleswig beschlossene Wirtschaftsentwicklungsstrategie muss gemeinsam von der Region Syddanmark und Schleswig-Holstein umgesetzt werden.
- Ausbildungsgänge müssen grenzüberschreitend ausgebaut werden und noch mehr Berufsausbildungen müssen auf beiden Seiten der Grenze anerkannt werden.
- Der Dänisch-Unterricht
an öffentlichen Schulen muss im Landesteil Schleswig ausgebaut werden.
Dazu müssen auch genügend Dänisch-Lehrerinnen und -Lehrer ausgebildet
werden und ausreichende Referendariatsplätze im Fach Dänisch zur
Verfügung stehen.
- Es müssen mehr grenzüberschreitende Gesundheitsangebote
entwickelt werden. Alle Bewohner des Grenzlandes sollen
unbürokratischen Zugang zur medizinischen Versorgung und zu den
Gesundheitseinrichtungen der gesamten Region bekommen.
- Die neu wachsende grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Ostholstein und Lolland über den Fehmarnbelt hinweg
baut auf anderen Voraussetzungen auf, als das landfeste Grenzland in
der nördlichen Region mit seinen Minderheiten und seiner besonderen
gemeinsamen Geschichte. Trotzdem kann diese neue Kooperation zwischen
Schleswig-Holstein und Dänemark von den Erfahrungen in der Region
Sønderjylland-Schleswig profitieren.
2.5. Den ländlichen Raum vor dem Ausbluten retten
Zu einer
zukunftsweisenden Regionalpolitik gehört die Sicherung von möglichst
gleichwer-tigen Lebensbedingungen im ländlichen Raum wie in den
städtischen Zentren. Auch die Menschen auf dem Lande haben ein Recht
auf gute Verkehrsanbindungen, gute Einkaufs-möglichkeiten, vernünftige
ärztliche Versorgung und ausreichende Möglichkeiten für die Ansiedlung
neuer Unternehmen und neuer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Der ländliche
Raum darf nicht ausbluten. Land und Bund müssen bessere
Rahmenbedingungen schaffen damit die Abwanderung vom Land gestoppt
wird.
- Das Auseinanderdriften der medizinische Versorgung auf dem Land und
in den Städten muss gestoppt werden. Um Ärzte für die ländlichen
Gegenden zu gewinnen, muss die Kassenärztliche Vereinigung finanzielle
Anreize für junge Mediziner schaffen. Die Zusam-menarbeit zwischen den
Hausärzten und der ambulanten Pflege muss ausgebaut werden.
- Der Erhalt öffentlicher Krankenhäuser
der Kreise ist von entscheidender Bedeutung, um die medizinische
Versorgung im ländlichen Raum zu sichern. Werden diese privaten
Krankenhausbetreibern überlassen, die rein betriebswirtschaftlich
arbeiten, dann droht eine weitere Konzentration von spezielleren
Leistungen in den städtischen Zentren.
- Die schnelle Notarztversorgung muss im gesamten ländlichen Raum gewährleistet sein.
- Die Breitbandversorgung im ländlichen Raum
muss weiter ausgebaut werden, damit den Menschen und Unternehmen auch
auf dem Land optimale Telefon- und Internetverbindungen zur Verfügung
stehen.
- Der Landesentwicklungsplan (LEP) muss
gewährleisten, dass die Gemeinden weiterhin ausreichende Flächen für
Neusiedler und neue Unternehmen ausweisen können. Dabei müssen die
Kommunen enger zusammen arbeiten als bisher. Das zentralörtliche System
muss dringend dahingehend überarbeitet werden, dass alle Kommunen
flexibler auf neue Entwicklungsmöglichkeiten reagieren können.
- Die Sicherheit im
ländlichen Raum darf durch erforderliche strukturelle Reformen, wie die
Schließung der Dorfpolizeien, nicht beeinträchtigt werden. Die
Bürgerinnen und Bürger müs-sen darauf zählen können, dass die Polizei
immer schnell da ist, wenn sie gebraucht wird.
2.6 Ostseekooperation erhalten – Nordseekooperation ausbauen
Schleswig-Holstein
soll weiterhin sowohl kulturell als auch wirtschaftlich von der
Zusammen-arbeit zwischen den Ländern im Ostseeraum profitieren. Leider
ist die Ostseekooperation aber in den letzten Jahren recht
stiefmütterlich behandelt worden. Sie muss im bestehenden Umfang
erhalten und gezielt weiter entwickelt werden.
Die
Nordseekooperation hat bislang nicht den gleichen Stellenwert in
Schleswig-Holstein wie die Ostseekooperation. Dies muss sich ändern,
denn Nordseeanrainerländer wie Dänemark, die Niederlande und
Großbritannien gehören zu den größten Handelspartnern unseres Landes.
Daher birgt auch diese Zusammenarbeit eine wichtige strategische
Perspektive für Schleswig-Holstein.
- Der SSW setzt sich dafür ein, dass die Ostseekooperation erhalten
und ausgebaut wird. Der hohe Stellenwert dieser Zusammenarbeit muss
sich stärker als bisher in der Organisation der Landesregierung
widerspiegeln.
- Das Kooperationsprojekt STRING in der südlichen Ostsee soll erweitert werden.
- In der Nordseekooperation muss
parallel zu den wirtschaftspolitischen Strategien auch eine verstärkte
kulturelle Zusammenarbeit und ein Austausch beim Tourismusmarketing
angestrebt werden.
- Schleswig-Holstein soll mit der niederländischen Provinz Friesland einen Kulturvertrag abschließen, den diese schon lange wünscht.
- Die kulturelle Zusammenarbeit der Friesen
in Nordfriesland und der niederländischen Provinz Friesland muss
unterstützt und gefördert werden. Dazu zählen insbesondere Projekte zur
Förderung der friesischen Sprache.
|