Unserer Gesellschaft droht schon seit langem eine Spaltung. Die
Einkommensunterschiede zwischen den gering qualifizierten Schichten und
den gut ausgebildeten Bevölkerungsgruppen werden immer größer. Ein
Großteil der Bevölkerung ist ohne Perspektive in der Arbeitslosig-keit
gefangen. Die Bildung der Kinder ist wie eh und je vom sozialen Status
des Elternhauses abhängig – ebenso wie ihre Gesundheit. Die Hilfen für
soziale Problemgruppen ohne eigene Lobby werden permanent von
staatlichen Kürzungen bedroht.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund
der Finanz- und Wirtschaftskrise mit ihren dramatischen Folgen für
Unternehmen und öffentliche Haushalte besteht heute mehr denn je die
Gefahr, dass unsere Gesellschaft die Solidarität noch weiter aus den
Augen verliert. Die Folge: Die Lebensbedingungen und die
Zukunftschancen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen driften noch
weiter auseinander. Auf Dauer kann dies die Gesellschaft endgültig
spalten.
Wie man es anders machen kann, zeigen uns nach wie vor
die skandinavischen Länder. Sie haben es geschafft, den Sozialstaat zu
modernisieren, ohne dass dabei die Solidarität und die soziale
Gerechtigkeit auf der Strecke bleiben. Deshalb orientiert der SSW sich
in zentralen Problemfeldern wie der Bildungspolitik und der
Arbeitsmarktpolitik an Skandinavien. Der SSW hat die soziale Kompetenz
des Nordens. Durch unsere besonderen Verbindungen zu Dänemark haben wir
eine besondere Einsicht in die Politik der nordischen Länder. Der SSW
steht für Gerechtigkeit auf Skandinavisch.
3.1. Schulreform vollenden
Die
Grundlage für die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland wird
schon im Kindes-alter gelegt. Hier muss gegengesteuert werden, damit
wir nicht die soziale Spaltung ver-schärfen und weitere Generationen
von sozialen Verlierern in unserem Land produzieren.
Die
Schulreform der Großen Koalition ist in dieser Hinsicht ein Schritt in
die richtige Richtung gewesen. Sie ist nur leider auf halbem Wege
stecken geblieben, weil die CDU und die SPD sich nicht auf eine
Schulform der Zukunft verständigen konnten. Die Real- und Hauptschulen
wurden von den Gemeinschaftsschulen und Regionalschulen abgelöst; das
Gymnasium wurde beibehalten. Die von der CDU bevorzugte Regionalschule
setzt das alte geteilte Sy-stem fort, bei dem die Kinder früh sortiert
werden. Dadurch werden ungleiche Lebens-chancen schon in einem frühen
Alter zementiert. Der SSW bevorzugt aus sozialer und pädagogischer
Sicht klar die ungeteilte Gemeinschaftsschule nach skandinavischem
Vorbild, die auch von Eltern und Schülern am besten angenommen wird. Da
die Gemeinschafts-schule zudem die Möglichkeit bietet, Schulstandorte
im ländlichen Raum zu erhalten, muss sie zur Regelschule in
Schleswig-Holstein werden.
Neben der ungeteilten Schule können
vor allem ergänzende Angebote an den Schulen zur Chancengleichheit der
Kinder beitragen. Maßnahmen außerhalb des Unterrichts, wie die
Ganztagsschulen, die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe und die
Beschäftigung von Sozialpädagogen an größeren Schulen tragen dazu bei,
dass soziale und schulische Probleme frühzeitig erkannt und angegangen
werden.
- Der SSW setzt sich für die Gemeinschaftschule als
Regelschule nach dem Vorbild der ungeteilten Schule in Skandinavien
ein. Die Schulform der Regionalschule muss mittelfristig wieder
abgeschafft werden.
- Der SSW will eine Reform der Lehrerausbildung, so dass es nur noch eine grundlegende Lehrerausbildung für alle Lehrer gibt.
- Die Profiloberstufe an
den schleswig-holsteinischen Gymnasien muss wieder abgeschafft werden,
weil sie das Schulbild der 50er Jahre repräsentiert und von den
Schülerinnen und Schülern nicht angenommen wird.
- So weit es möglich ist, müssen Schulen auch außerhalb der sozialen Brennpunkte offene Ganztagsschulen in gebundene Ganztagsschulen umwidmen können, weil diese einen höheren pädagogischen Standard gewährleisten.
- Das Land muss Kommunen finanziell unterstützen, die mehr Sozialpädagogen an Schulen – insbesondere in sozialen Brennpunkten – einstellen wollen.
- Die Förderung der Angebote der Jugendverbände in der Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit und Schule muss weiter entwickelt werden.
3.2. Bildung und Betreuung kostenlos anbieten
Langfristig
bleibt es das bildungspolitische Ziel des SSW, dass Kinderbetreuung,
Schulbesuch, berufliche Ausbildung oder das Erststudium für Eltern und
Kinder kostenfrei sind. Nur so lässt sich gewährleisten, dass der
soziale Hintergrund bei der Ausbildung möglichst keine Rolle spielt und
alle Kinder gleiche Startchancen ins Leben haben. Angesichts der großen
finanziellen Probleme kann dieses Ziel aber nur sehr langsam umgesetzt
werden. Hier und heute gilt es vor allem, dafür zu sorgen, dass
Betreuung und Bildung nicht teurer werden.
- Das beitragsfreie dritte Kita-Jahr muss beibehalten
werden. Die Einführung von gänzlich kostenlosen Kita- und
Krippenplätzen muss dann umgesetzt werden, wenn es die Finanzen des
Landes und der Kommunen wieder zulassen.
- Der SSW schließt die Einführung von Studiengebühren in Schleswig-Holstein aus.
3.3. Wissen und Kultur für alle bereitstellen
Das lernen
hört nicht auf, wenn jemand einen Gesellenbrief oder ein Diplom in der
Hand hat. Aus den skandinavischen Ländern können wir lernen, dass zu
einer gebildeten, demokra-tischen Gesellschaft mehr gehört als nur die
schulische und berufliche Bildung. Eine gebüh-renfreie Nutzung von
Büchereien und Bibliotheken sichert den demokratischen Zugang zu Kultur
und Bildung und unterstützt die Möglichkeiten des lebenslangen Lernens
für alle Bil-dungsschichten. Deshalb braucht Schleswig-Holstein eine
Gesetzgebung, die diese wichtige Arbeit absichert.
- Schleswig-Holstein braucht ein Bibliotheksgesetz, das
eine flächendeckende, hochwertige Versorgung der Bevölkerung mit
Büchern und modernen Medien durch das öffentliche Büchereiwesen
gewährleistet.
3.4. Aktive Arbeitsmarktpolitik des Landes erhalten
Durch
sein Arbeitsmarktprogramm hat das Land Schleswig-Holstein die
Möglichkeit, eine aktive Arbeitsmarktpolitik zu führen. Gerade in der
aktuellen Krise muss das Land die Möglichkeit haben, von
Arbeitslosigkeit bedrohten Schleswig-Holsteinern zu helfen. Deshalb
lehnen wir Überlegungen ab, durch Einsparungen bei diesem Programm den
Landeshaushalt zu sanieren.
- Das Zukunftsprogramm Arbeit der Landesregierung darf
nicht gekürzt werden, zumal dadurch auch entsprechende EU-Mittel aus
den Europäischen Sozialfonds (ESF) für Schleswig-Holstein verloren
gehen würden.
- Das Zukunftsprogramm Arbeit muss auch nach der aktuellen Förderperiode 2007-2013 weitergeführt werden.
- Das Land muss sich dafür einsetzen, dass neben der dualen Berufsausbildung auch zusätzliche überbetriebliche Ausbildungsplätze geschaffen werden.
3.5. Arbeitsmarktpolitik vor Ort bestimmen
Die
Arbeitsmarktpolitik muss weitaus mehr als heute in den Kommunen
entschieden werden, weil die Verantwortlichen vor Ort die Lage viel
besser einschätzen können. Deshalb bevorzugen wir das so genannte
„Optionsmodell“, bei dem die Kreise in ihren Sozialzentren alle
Leistungen für „Hartz IV“-Empfänger (Arbeitsvermittlung, Beratung,
Geldleistungen und Unterkunft) ohne Einmischung der bürokratischen
Arbeitsagentur selbst verwalten. Auch bei der Weiterbildung und
Qualifizierung hat die kommunale Zuständigkeit Vorteile, weil sie die
lokale Arbeitsmarktsituation besser berücksichtigen können. Die
Standardmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit erfüllen diese
Anforderungen viel zu häufig nicht.
- Der SSW fordert eine Entfristung des Optionsmodells, so
dass alle Städte, Kreise und Kommunen frei entscheiden können, ob sie
künftig selbst die Arbeitsmarktpolitik vor Ort aktiv gestalten wollen.
- Maßnahmen zur beruflichen Bildung müssen maßgeschneiderte Qualifizierungen für geringqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beinhalten und an die lokalen Bedürfnisse angepasst sein.
3.6. Niedriglöhne bekämpfen
Das Realeinkommen des am
wenigsten verdienenden Bevölkerungsviertels fällt seit Jahren. Eine
Ursache dafür ist, dass sich in Deutschland ein Niedriglohnsektor
entwickelt hat, der bereits über ein Fünftel aller Beschäftigten
umfasst. Heute ist es längst nicht mehr sicher, dass Menschen von ihrer
Arbeit leben können. Dumpinglöhne tragen dazu bei, dass selbst ein
fester Arbeitsplatz längst nicht mehr eine Garantie für ein finanziell
selbständiges Leben ist. Unsichere Arbeitsverhältnisse rauben einem
Großteil der Bevölkerung längst die soziale Sicherheit. Neben einer
aktiven Arbeitsmarktpolitik, die auf berufliche Bildung und
Qualifizierung setzt, können das Land und der Bund noch einiges mehr
tun, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Der SSW setzt sich dafür
ein, dass diese Möglichkeiten maximal ausgeschöpft werden.
- Ein branchenbezogener Mindestlohn muss nach europäischen Vorbildern – u.a. in Skandinavien – bundesweit eingeführt werden.
- Die Kontrollen der jetzt schon existierenden Mindestlohnregelungen – zum Beispiel in der Bauwirtschaft - müssen verstärkt werden.
- Die Bedingungen für die Leiharbeit sind
heute nicht akzeptabel und müssen gesetzlich verbessert werden.
Deutsche Leiharbeiter sind bei der Arbeitsqualität, den
Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, der
Arbeitsplatzsicherheit und dem Einkommen weit schlechter gestellt, als
ihre Kolleginnen und Kollegen in Skandinavien.
- Durch eine Sicherung des Tariftreuegesetzes für Schleswig-Holstein wird eine gerechte Bezahlung bei öffentlichen Aufträgen gewährleistet.
- 400-Euro-Jobs
müssen dort abgebaut werden, wo sie sozialversicherungspflichtige
Arbeitsplätze gefährden, wo die Arbeits- und Lohnbedingungen nicht
tragbar sind und wo sie keine längerfristige berufliche Perspektive
beinhalten.
- Eine zukünftige Steuerreform muss eine merkbare Entlastung
für die niedrigen und mittleren Einkommen bringen und durch eine
stärkere Besteuerung hoher Einkünfte und großer Unternehmen voll
gegenfinanziert werden.
3.7. Familien unterstützen
Die Grundlagen für die soziale
Ungleichheit liegen vielfach in den Familien und ungleichen
Lebenschancen werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Kindertagesstätten und Schulen können zwar einen gewichtigen Beitrag
dazu leisten, dass die Kinder und ihre Familien entsprechend ihren
Bedürfnissen gefördert werden. Letztlich ist es aber auch Aufgabe der
Gesellschaft, Hilfe und Beratung anzubieten, die Eltern brauchen, um
ihren Kindern möglichst gute Startchancen ins Leben zu bieten.
- Die Bemühungen, genügend Betreuungsplätze für Null- bis Dreijährige
in Schleswig-Holstein zu schaffen, müssen deutlich verstärkt werden.
Wir hinken immer noch hinter anderen Bundesländern hinterher.
- Angebote wie Familienhebammen und
Gesundheitsschwestern, die jungen Familien in den ersten Lebensjahren
zu Hause Unterstützung und Beratung bieten, müssen flächendeckend und
für alle Bevölkerungsschichten zur Verfügung stehen.
- Die Arbeit der Familienberatungsstellen,
die Familien beraten und bei Erziehungs-problemen helfen, darf nicht
durch Maßnahmen der Haushaltssanierung eingeschränkt werden.
- Das Land Schleswig-Holstein muss seine Bestrebungen für einen starken öffentlichen Gesundheitsdienst
verstärken, der nicht zuletzt für bestimmte soziale Gruppen eine
wichtige Präventionsarbeit leisten kann. Die Kommunen müssen darin
unterstützt werden, die entsprechenden Vorgaben des
Gesundheitsdienstgesetzes auch wirklich umzusetzen.
3.8. Soziale Arbeit sichern
Angesichts der Folgen der
aktuellen Krise und der ohnehin immensen Verschuldung der öffentlichen
Haushalte wird in den kommenden Jahren die Versuchung groß sein, bei
den sozialen Hilfen für jene Gruppen zu sparen, die keinen Widerstand
organisieren können. Hierzu gehören Hilfen für besonders schwache
Gruppen, dazu gehören aber auch die Angebote für Kinder und Jugendliche.
Letztlich
gilt für soziale Hilfen ebenso wie für familienunterstützende
Maßnahmen, dass Einsparungen in diesem Bereich nicht nur unsolidarisch
sind, sondern uns auch teuer zu stehen kommen. Die längerfristigen
Folgekosten im Sozialwesen, im Gesundheitssektor und schlimmstenfalls
sogar bei der Polizei und der Justiz sind ungleich höher.
- Einrichtungen, die den besonders Schwachen in unserer Gesellschaft Unterstützung
und Hilfe bieten – wie Drogenhilfe, AIDS-Hilfe und Hilfen für psychisch
Kranke – dürfen nicht durch Kürzungen gefährdet werden.
- Die Förderung der Bildungsreferentinnen und Bildungsreferenten der Jugendverbände muss erhöht werden.
- Die Angebote der Jugendarbeit müssen verstärkt für junge Menschen mit Migrations-hintergrund geöffnet werden. Das Land muss Mittel für die interkulturellen Angebote der Jugendverbände bereitstellen.
- Die Finanzgrundlage der Frauen-Notrufe
muss abgesichert sein. Der Landeszuschuss des Flensburger Frauennotrufs
muss auf das Niveau der anderen Frauennotrufe in Schleswig-Holstein
erhöht werden.
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